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Zur Person - Cello ist besser als Wale retten

„Ich bin kein Supertalent“, sagt Alban Gerhardt. „Zehn Prozent Begabung, neunzig Prozent harte Arbeit“ stecken hinter dem Erfolg des 29jährigen Solo-Cellisten, der letzte Woche mit dem Klassik-Preis „Echo“ als Nachwuchskünstler es Jahres ausgezeichnet wurde. Disziplin heißt das Zauberwort, mit dem der gebürtige Berliner allerdings schon als Kind auf Kriegsfuß stand: „Meine Mutter und ich haben mit Stühlen nacheinander geworfen! Ich hatte einfach keine Lust, jeden Tag zu üben.“ Der Sprößling wollte lieber Musikclown als Musiker werden – „aber dafür fehlte mir die Phantasie“. Das „genaue Gegenteil von einem Wunderkind“ sei er gewesen. Mit 12 spielte er Rostropowitsch vor. Der unterbrach ihn nach zwei Minuten und holte ihn „auf den Boden der Realität zurück“. Erst als Gerhardt 1990 zwei wichtige Wettbewerbe gewann, kam die Karriere aus den Startlöchern. Bis Anfang 2000 ist der Jungstar ausgebucht. So euphorisch wie jetzt, gab sich der Wahl-New Yorker nicht immer: Für Jahre verlor Alban Gerhardt sein Selbstbewußtsein, „zitterte nur noch“, weil er vor einem Konzert den ganzen Tag Eishockey gespielt hatte und als Folge davon am Abend die Hände so verkrampft waren, dass er kaum den Bogen halten konnte. Einmal sei ihm der vor Aufregung sogar während eines Konzerts aus der Hand gefallen. Inzwischen ist diese Unsicherheit überwunden, Gerhardt zeigt sich selbstsicher, ausgeglichen und unverkrampft. Dennoch: Zweifel und Zuversicht liegen dicht beieinander. In seinen „depressiven Phasen“ glaubt er, dass es dekadent sei, sein Geld als Cellist zu verdienen: „Denken Sie nur an die wirklich gravierenden Probleme unserer Zeit“, ereifert sich Gerhardt und gestikuliert mit seinen kostbaren Händen – die sind nämlich für 500000 Mark versichert! „Da müßte man doch bei Greenpeace oder Amnesty International arbeiten!“ Aber: „Ich bin kein großer Weltveränderer“, gesteht der Musiker. Anstatt Wale oder politisch Verfolgte zu retten, geht er in Schulklassen und versucht, „den Kids klarzumachen, dass Klassik genauso aufregend sein kann wie Hardrock oder Rap.“

Die Welt, 29.Oktober 1998

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