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Kultur ist kein hübsches Salatblatt - Von der sozialen Funktion der Musik: Der Aufstieg des Berliner Cellisten Alban Gerhardt Wozu allerdings Disziplin im Übermaß führen kann, hat Gerhardt in Amerika erlebt, wo er vor allem bei Walter Levin und dem Lasalle-Quartett studierte und sich 1993 den ersten Preis im Leonard-Rose-Wettbewerb erspielte. 'Da wird zwar disziplinierter gearbeitet als hier. Aber dadurch geht die individuelle Persönlichkeit völlig verloren. Deswegen sind die Streichergruppen amerikanischer Orchester viel stromlinienförmiger.' In Deutschland wird einem jungen Künstler mehr Freiheit gegeben, sich auf die eigenen Beine zu stellen. Und zumindest ihn, sagt Gerhardt, hat das deutsche System der Nachwuchsförderung - er gewann bei Jugend musiziert, beim Wettbewerb des Deutschen Musikrates, absolvierte die anschließenden gut 50 vom Musikrat organisierten Konzerte Junger Künstler - das Gehen schon gelehrt. Angekommen allerdings ist er noch längst nicht. Und jedesmal, wenn er schon glaubte, sich demnächst zurücklehnen zu können, wenn er auf seinem 'kontinuierlichen Aufschwung', den er sich selbst bescheinigt, eine neue Stufe erreicht hat, wurde 'der Übeaufwand nur immer größer. Je mehr man sich bewußt ist, dessen was man macht, desto mehr bemerkt man, wieviel man dafür arbeiten muß.' Weswegen Gerhardt - ein wacher Beobachter seiner Umgebung - sich vom Umtriebigkeit fordernden Musikmarkt nicht übermäßig vereinnahmen lassen will. Er besteht auf Freiräumen. Und sein Management gesteht sie ihm zu. Konzerte geben, wie heute mit der polnischen Pianistein Ewa Kupiec in Berlin, könnte er genug. Es herrscht schließlich immer noch Aufschwung für sogenannte Klassik. Trotzdem gibt sich Gerhardt darüber keinen Illusionen hin. Zwar mag der Betrieb boomen derzeit, 'aber das ist nur eine Luftrblase'. Denn Gerhardt ist doch einigermaßen erschüttert über den Altersdurchsnitt des Publikums gerade in der sogenannten Provinz. Wenn man nicht in 20 Jahren vor leeren Sälen musizieren wolle, müsse man heute versuchen, neue Publikumsschichten zu mobilisieren. Weswegen er sich immer wieder bemüht, durch Erläuterungen in Konzerten Hemmschwellen, Berührungsängste abzubauen, Musik zugänglicher zu machen. Musik hat für ihn selbstverständlich eine soziale Funktion: 'Kultur fördert Phantasie und Kreativität einer Gesellschaft. Wie sollen aber Industrie und Wissenschaft innovativ sein, wenn die Gesellschaft um sie herum Kultur nur als schmückendes Salatblatt ansieht.' Das mangelnde Kulturverständnis der politisch Verantwortlichen in Deutschland wurmt ihn gewaltig. Denn die Folgen von staatlicher Abwesenheit in der Kulturförderung begegnen dem Pendler zwischen Berlin und New York in Amerika - 'dem vielleicht kulturlosesten Land überhaupt' - drastisch genug: 'Da wird die Kultur privater Initiative überlassen, und die Kriminalität ist so hoch wie kaum sonst. Kultur als Luxus anzusehen, ist Selbstmord.' Elmar Krekeler, Die Welt, 6, Dezember 1994 |
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