Zitate | Neueste Kritiken | Archives | Portraits

Wieviel Geld verdient ihr im Jahr? - Alban Gerhardt und Markus Groh schauten in der Musikschule vorbei
„Wie das mit der Physik bei den Flageolett-Tönen ist, weiß ich nicht so genau.“ Alban Gerhardt ist ein ehrlicher Mensch. Der Cellist ist mit seinem Klavierpartner Markus Groh in die Musikschule gekommen, um einmal zu zeigen, wie die Arbeit von Profis aussieht, mit was für Problemen sie sich auseinanderzusetzen haben, sich auf die Finger schauen zu lassen. Der Beginn ist gleich spektakulär. An einem Stück von Gaspar Cassado demonstrieren sie die Vorgehensweise: erst einmal langsam spielen, um das Werk und die Absichten des Partners kennenzulernen, dann das Tempo allmählich steigern, bis sich der virtuose Dampfdruck aufgebaut hat.

Sie erzählen von ihrem Werdegang und warum sie überhaupt zur Musik gekommen sind. „Ohne Cello wäre ich ein ganz anderer Mensch“, sagte Alban Gerhardt. „Mit elf Jahren war ich ein Feigling. Mit dem Cello habe ich gelernt zu kommunizieren.“ Für beide ist die Musik ein Mittel zum Abreagieren – und Geldverdienen. Die interessanteste Frage stellten natürlich nicht die Erwachsenen: „Wieviel Geld verdient ihr im Jahr?“ wollte eine junge Musikerin wissen. Die Antwort von Gerhardt und Groh mag manchem zu denken gegeben haben, denn sie war offen: „Wir bekommen zwischen 3000 und 4000 Mark pro Konzert. Wir haben aber auch schon für 800 Dollar gespielt.“ Sie klagen nicht, dass das zu wenig ist, sondern dass viele ihrer Kollegen das rechte Maß und Ziel in finanziellen Dingen verloren haben:“ Anne-Sofie Mutter kassiert pro Abend 100.000 Mark, Yo Yo Ma 60 000 Dollar. Und Itzhak Perlman 100.000 Dollar vor dem Konzert, wenn er den Veranstalter für unsicher hält. Statt dass er das Geld stiftet, um das schlingernde Orchester zu stützen. Solche Leute mit Dollarzeichen statt Augen werden für mich auch als Musiker unglaubwürdig“, sagt Alban Gerhardt über die Geldgier, in der sich Künstler und Agenten gegenseitig hochschaukeln. Auf der Strecke bleibt die Musik. „Beethovens Cellosonaten sind nicht für die Carnegie Hall geschaffen“, sagt Markus Groh, und Alban Gerhardt demonstriert, wie sich durch den lauteren Strich die Phrasierung völlig verändert: „Das kann man so spielen, aber so hat sich das Beethoven bestimmt nicht vorgestellt.“

Dann kommen die beiden noch einmal zur Musik: Zur Cellosonate von Frederic Chopin, die sie wegen des Chopin-Jahres 1999 ins Programm genommen haben. Und sie zeigen, warum sie eine eigene Bearbeitung spielen: In der Originalversion steht das Klavier im Mittelpunkt, „und die Cellostimme ist langweilig“. Dann hat der amerikanische Cellist Leonard Rose eine Bearbeitung gefertigt: „Er hatte wichtige Teile einfach gestrichen, und jetzt war dafür die Klavierstimme langweilig“. Deshalb haben sich die beiden hingesetzt und eine Fassung erarbeitet, in der beide Stimmen virtuose Anforderungen stellen.

Und dann gibt Alban Gerhardt den Schülern der Musikschule einen Rat, den sie von ihm vielleicht nicht erwartet hätten: nicht unbedingt Berufsmusiker zu werden. „Es sind nur wenige, die sich als Solisten durchsetzen. Und die Stellen für Orchestermusiker sind begrenzt.“ Wer die Musik liebt, solle sie deshalb als Hobby betreiben. Die Orchestermusiker seien in allen Umfragen in der Gruppe, die ihren Beruf am wenigsten liebt. Die Lehrer hätten einen Gutteil schuld an der schwierigen Situation: „Sie müßten ihren Schülern eigentlich mit aller Deutlichkeit sagen, wie weit sie kommen können und was sie mit Sicherheit nie erreichen werden.“ Ernster Ausklang eines lockeren Nachmittags, der so ablief, wie man sich die Schülerkonzerte eigentlich schon immer wünscht.

Saale-Zeitung, 16. Juli 1998

Return to Portraits Index