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Alles Wagen für den Mitmenschen - Begegnung mit dem jungen Berliner Cellisten Alban Gerhardt - Der Virtuose erhielt den höchstdotierten Cellopreis der Welt und berechtigt zu großen Hoffnungen Bereits zwei Jahre zuvor hatte er, also mit zweiundzwanzig Jahren, sein erstes solistisches Auftreten bei den Berliner Philharmonikern. Unter Semyon Bychkov spielte er die „Rokoko-Variationen“ von Tschaikowsky. Obwohl Alban Gerhardt, dem bei allem jungenhaften Charme die Intelligenz an den Augen abzulesen ist, selbstkritisch sagt, es sei zwei, drei Jahre zu früh gekommen, brachte es ihm im Berliner Blätterwald ein glänzendes Echo ein: „Mit seinem geistvoll aufleuchtenden, überaus gesanglichen, makellos leichten Spiel, bei dem die Töne wie Flocken rieselten, nahm er von A bis Z gefangen und ließ den Wunsch nach baldiger Wiederbegegnung allenthalben aufkommen. Der musikalische Höhepunkt dieses Philharmonischen Konzerts (NEUE ZEIT, 14.10.1991). Da stimmt es schon nachdenklich, wenn ein junger Künstler mit einem solch hervorragenden Start, um auf die zu Beginn gestellte Frage zurückzukommen, Zweifel äußert, ob denn das, was man als Musiker macht, angesichts der furchtbaren Zeichen der Zeit auch wirklich sinnvoll sei. Er möchte gern zu denen zählen, die etwas dazu beitragen, daß der Rechtsradikalismus verschwindet, das blutige Elend im ehemaligen Jugoslawien beendet oder der Hunger aus der Welt geschafft wird. Er empfindet keine Angst, bei einem geplanten Kammerkonzert in Sarajevo mitzuwirken. Im Gegenteil, er möchte alles riskieren, um dabeizusein und den Menschen auf diesem Wege sein Zusammengehörigkeitsgefühl zum Ausdruck bringen zu können. Benefizkonzerte mit dem Ziel, Hilfe für andere zu leisten, erscheinen ihm nützlicher als die üblichen Konzerte, die unter keinem besonderen Motto stehen. Alban Gerhardt zählte dann auch bei den diesjährigen Berliner Festwochen zu jener Allianz von Künstlern, die sich mit ihrem ganzen Können und guten Willen unter dem Motto „Gegen Krieg und Gewalt“ zusammengeschlossen hatten, um im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie für internationale Hilfsorganisationen zu musizieren. Da trat er nicht nur als Cellist hervor, sondern auch als Pianist. Mit seinem Klavierpartner Markus Becker spielte er Debussys „Six Epigraphes antiques“ für Klavier zu vier Händen. Mit Klavierspiel begann auch das Musikleben des 1969 in Berlin geborenen Alban Gerhardt. Vom achten Lebensjahr lernte er es bei Wolfgang Saschowa. Der ist auch heute noch bei den Gerhardts anzutreffen, um den reichen familiären Musikernachwuchs zu unterrichten. Die Musik quillt aus diesem Haus vom Keller bis zum Dach. Im hell erleuchteten Kellergeschoß gibt die Mutter, eine gelernte Sängerin, musikalische Früherziehung. Und Sitz und Stimme hat in diesem Musikerhaus nicht zuletzt der Vater von fünf begabten Kindern, der Stimmführer der zweiten Violinen beim Berliner Philharmonischen Orchester ist. Schon vom zehnten Lebensjahr hat Alban Gerhardt mehrmals den Steinway-Klavierwettbewerb für Kinder gewonnen. Nebenbei spielt er heute mit Vergnügen eines der schwierigsten Stücke auf den schwarzen und weißen Tasten: Balakirews Orientalische Fantasie „Islamej“! Cellounterricht hat er natürlich auch sehr früh erhalten. Nach sechsjährigem Studium als Jungstudent an der Charlottenburger Hochschule der Künste holte er sich dort noch den Feinschliff bei Markus Nyikos. Intensive Förderung erhielt er auch vom berühmten Tokyo- und Lasalle-Quartett in Cincinnati. Abschließend studierte er 1989-93 an der Kölner Musikhochschule bei Boris Pergamenschikow und Frans Helmerson. Das Examen bestand er mit Auszeichung. Wofür man ihm in Köln derzeit noch ein Aufbaustudium spendiert.. Vom Vater, der ein sehr kritischer Begleiter seiner Ausbildung gewesen sei, habe er die Fähigkeit mitbekommen, das eigene Spiel zu durchdenken, zu analysieren. Von der Mutter habe er das instinktive Erfassen der Musik gelernt. Obendrein, erzählt Alban Gerhardt, „hat sie mir als Sängerin gezeigt, was man mit der Stimme alles machen kann und wie modulationsfähig sie ist. Diese Modulationsfähigkeit aufs Cello zu übertragen, das Cello wie eine menschlichen Stimme klingen zu lassen ist mein „Bestreben.“ Dreimal nacheinander hat Alban Gerhardt erfolgreich an Wettbewerben teilgenommen: am Deutschen Musikwettberwerb in Bonn, am ARD-Wettbewerb in München gemeinsam mit Michael Sanderling (die Fernsehübertragung des Finales brachte ihm das Debüt bei den Berliner Philharmonikern ein). Und als 1. Preisträger ging er nun aus dem Leonard-Rose-Wettbewerb hervor. Gleichwohl hat er keine hohe Meinung von der, wie er meint, „unmusikalischen Wettberwerberei“. Er habe sich für den Wettbewerb Numero 3 nur deshalb entschieden, um nicht selbstzufrieden zu werden. Nicht wenige Wettbewerbsteilnehmer übten wie verrückt und bekämen bei dem harten technischen Drill als Interpreten nichts zuwege. Man könne den Tschaikowsky-Wettbewerb gewinnen, ohne etwas zu sagen. Er will sich selbst ausdrücken, seine eigenen Gefühle weniger verstandesmäßig, „sondern mehr aus dem Bauch heraus“ darstellen und „mit dem Publikum kommunizieren. Üben fördert nicht gerade die Begegnung und Verständigung mit anderen Menschen. Um so lieber bin ich auf der Bühne, ja freue mich regelrecht, auf die Bühne zu gehen und mit dem Publikum Kontakt aufzunehmen.“ Deshalb spielt Alban Gerhardt mit Vorliebe in kleineren Orten, wo er auch selbst Einführungen geben kann und mit seinen Hörern ins Gespräch kommt. Eckart Schwinger, Neue Zeit, 22. Dezember 1993 |
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