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Auf der Suche nach dem verlorenen Klang
Den Morgen des 8.Mai 2003 wird Alban Gerhadt nicht vergessen. Auf dem Weg zum Übungsraum im Keller seiner Wohnung in Berlin-Charlottenburg bemerkte er, dass mehrere Türen aufgebrochen waren. Auch die zu seinem Übungsraum. Und sein Cello war weg. Ein "Lorenzo Guadagnini fecti in Piacenza", 1741, geschätzter Wert: xxxxxxx Euro. Die Polizei gab den Fall gleich weiter ans Bundeskriminalamt. Zunächst schienen die Chancen, dass das Instrument wieder auftauchen könnte, nicht so gering: ein Cello dieser Preisklasse lässt sich nicht unter der Hand verkaufen. Es sei denn, der Diebstahl war das Auftragswerk eines verrückten Liebhabers, der besonders begehrte Objekte zu Hause hortet. Inzwischen wurde der Fall als unaufgeklärt ad acta gelegt. Natürlich stellte sich für Gerhardt zunächst die Frage, wie er seinen Konzert- und Plattenverpflichtungen nachkommen sollte. Fünf Tage nach dem Diebstahl waren Aufnahmesitzungen angesetzt, das "Concerto Elegiaco" von Frank Bridge. Glücklicherweise durfte sich Gerhardt für diesen Termin das Instrument eines ehemaligen Solocellisten der Berliner Philharmoniker ausleihen. Da die Aufnahme in der gleichen Kirche stattfand wie seine Einspielung des Berkeley-Konzertes, hatte er den direkten Vorher-Nachher-Vergleich. "Während der Aufnahme klang alles total anders", erinnert sich Gerhardt, "aber beim Abhören bin ich fast vom Stuhl gefallen, weil das geliehene Cello plötzlich fast genauso klang wie mein altes. Andererseits war das nur logisch.: Ich hatte denselben Bogen (der war nicht gestohlen worden) und natürlich denselben Arm. Und beides zusammen macht eigentlich den Hauptteil des Klanges aus." Aber eben "nur" den Hauptteil. Der Rest hängt von der Qualität des Instrumentes ab, und dieser Anteil ist immerhin so entscheidend, dass die meisten Musiker dafür ein Vermögen bezahlen. Die teuersten Celli, Instrumente von Stradivari, kosten mehrere Millionen Euro. Dabei sind die klanglichen Unterschiede in der oberen Preisklasse nach objektiven Kriterien oft nicht annähernd so groß, wie es der Preis suggeriert:"Wenn ich Ihnen hier im Zimmer zuerst auf einem ganz tollen Cello und danach auf einem nicht ganz so guten vorspiele, werden Sie ungläubig den Kopf schütteln, wenn Sie hören, wie groß die Preisspanne zwischen den beiden Instrumenten ist. Aber: Auf einem wirklich hervorragenden Instrument haben Sie eine viel größere Brandbreite, und Sie werden zu Nuancen und Details inspiriert, auf die Sie vorher gar nicht gekommen sind. Das Cello seines Lebens erkennt ein Musiker daran, dass es ihn zu einem besseren Cellisten und Musiker macht. Das ist der Grund, warum ich so lange gesucht habe." Um sein altes Cello finanzieren zu könnnen, musste Gerhardt in den ersten Jahren seiner Karriere äußerst bescheiden leben, neunzig Prozent der Gagen gingen direkt an die Bank. Rückblickend betrachtet er diese Zeit jedoch als gute Charakterübung: Ich hatte mich immer beklagt, dass mir keiner hilft, dass alle anderen eine Stiftung im Rücken haben, die ihnen das Instrument finanziert - nur ich nicht. Aber im Nachhinein bin ich dankbar, dass ich gezwungen war, jede Mark dafür selbst zu verdienen." Wie findet man nun ein gutes Cello? Im Glücksfall kann man das Instrument eines Kollegen übernehmen, der in den Ruhestand geht. Ansonsten geht es meist über Händler. Es gibt ein paar erste Adressen in London und New York, wo Profis nach Herzenslust spielen und vergleichen können. Wenn sie ein passendes Instrument gefunden haben, dürfen sie es in der Regel mehrere Monate ausprobieren, bevor sie es kaufen. So viel Zeit braucht es, um sich mit dem Instrument richtig vertraut zu machen. Allerdings wird vor dem Kauf tunlichst nicht verraten, aus welchem Besitz das Instrument stammt - sonst käme der Interessent womöglich auf den Gedanken, den Besitzer direkt zu kontaktieren. Aus demselben Grund sind Händler auch sehr zurückhaltend mit Informationen zur Geschichte des Instruments. In jedem Fall handelt es sich um einen langwierigen Prozess, und je länger man vergleicht, desto schwerer fällt die Wahl. So verbrachte Gerhardt von Mai bis September letzten Jahres einen großen Teil seiner Zeit bei Händlern, spielte, verglich, selektierte. Fast immer wurden ihm Instrumente von Matteo Goffriller angeboten. “Die sind leider sehr teuer, klingen aber auch deutlich besser als die anderen. Und eines Tages gab man mir eines, das mich besonders faszinierte: einen Goffriller von 1711, einen alten Venetianer, in perfektem Zustand und wunderschön. ‘Zum Verlieben schön’, sagte mein Vater, der Geiger bei den Berliner Philharmonikern ist und den ich nie zuvor das Wort ‘verlieben’ hatte aussprechen hören.” Spätestens da gab es für Gerhardt keinen Zweifel mehr: Der alte Venetianer sollte sein neues Instrument sein. Und da steht es nun, das gut erhaltene, 292 Jahre alte Instrument. Schon der prachtvolle rötliche Holzton ist eine Augenweide. Vom Klang gar nicht zu reden. Als Gerhardt die ersten Phrasen spielt, lässt mich der reiche, runde Ton an die besten Mezzosoprane alter Schule denken, an Sigrid Onegin und Ebe Stignani. Schlank und doch vollmundig, bildschön und zugleich charaktervoll. Wie viele Musiker orientiert sich auch Gerhardt an großen Sängern, seine Favoriten sind Maria Callas und Elisabeth Schwarzkopf. “Beide hatten den Mut, einer ganz eigene Klangvorstellung zu kultivieren, bestimmte Vokale und Phrasen so zu färben, dass der innere Sinn des Gesungenen selbst für den deutlich wurde, der die Sprache des Textes nicht verstand. Sie teilten sich in einer Art Meta-Sprache mit. Genauso faszinierend finde ich die Aufnahmen von Frutwängler. Schade, dass sich nur wenige trauen, ihrer Klangvorstellung so kompromisslos zu folgen, wie er es getan hat. Wir sind alle viel zu sehr gefangen in der Tradition oder kleben viel zu sehr am Notentext. Ein Schlüsselerlebnis in dieser Hinsicht hatte ich, als mir Cecile Licad Beethoven vorspielte – sehr eruptiv, sehr frei, so ganz anders, als ich es gewohnt war. Wir müssen als Musiker viel mehr riskieren.” Mit Gerhardt über Interpretation und Interpreten zu reden ist äußerst anregend. Wir kommen von Oistrach, du Pre und Rostropowitsch über Karajan und Kleiber zu Chaplin und Hitchcock. Derweil lehnt der alte Venetianer gelassen an der Wand. Was sind schon achtzig Jahre Kulturgeschichte gegen das, was er erlebt hat? Drei Monate später. Gerhardt ruft an und sagt, dass es mit dem Kauf nicht geklappt hat: Der Besitzer ließ partout nicht mit sich handeln. “Das hat mich voll getroffen, ich war zwei Tage nicht ansprechbar. Denn bei diesem Cello habe ich etwas gefühlt, was ich bei den anderen nicht gefühlt habe. Aber was hilft’s? Die Suche geht weiter.” Thomas Voigt, Fono Forum, März 2004
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