|
||
|
Obwohl ich damals nicht so dachte, muss ich jetzt gestehen, dass ich wiederum viel Glueck hatte in der Wahl meiner Lehrer von Beginn an. Auf dem Klavier und dem Cello hatte ich in Wolfgang Saschowa und Markus Nyikos zwei Musiker, die mich die Grundlagen meiner Instrumente lehrten und mich in die Geheimnisse vom richtigen ueben und von Musik generell einweihten. Den groessten Dank aber zolle ich meinen Eltern, die mich zur unabhaengigen Arbeit ermutigten anstatt wie ein zweites Paar Ohren mein ueben zu kontrollieren. Ich war dadurch das Gegenteil eines Wunderkindes, bin wie jeder andere zur Schule gegangen, aber hatte ein sehr nuetzliches Talent: eine grosse Konzentrationsfaehigkeit, die mich trotz normaler Intelligenz zu einem sehr guten Schueler machten. Nach ueberspringen einer Klasse brachte ich das Gymnasium ein Jahr zu frueh hinter mich, um mich auf meine beiden Instrumente zu konzentrieren, die bereits den groessten Teil des Tages verschlungen. Doch immer noch schaffte ich es irgendwie, ein grosser Sportsfan (aktiv als Deutscher Jugendmeister ueber 1000 m, und passiv bis heute als Fussball- und Basketball-Fan) und passionierter Leser russischer Romane (insbesondere Dostojewski's) zu werden. Mein erstes oeffentliches Konzert geschah am 22. Februar 1987 in der Berliner Philharmonie. Ich spielte Haydn's D-Dur-Konzert mit einem schlechten kleinen Kammerorchester. Das heisst, ich war bereits 18 und spielte zum ersten Mal mit einem Orchester. Warum ich das Datum so gut in Erinnerung behalten habe? Ich weiss es nicht, vielleicht weil an diesem Tag das Hockeyteam Westberlins, die "Preussen", in die Erste Liga aufstiegen? Mein Vater ist sich sicher, dass diese gute Nachricht mich hat besser spielen lassen. Traurig aber war! Dieses Konzert aenderte ueberhaupt nichts an meinem Traum, Mitglied in dem Orchester meines Vaters zu werden. Eine Solistenkarriere reizte mich nicht im geringsten, da ich zum einen Kinder haben und ihnen ein guter Vater sein wollte, zum anderen zu diesem Zeitpunkt einfach nicht gut genug spielte. Ich begann in Berlin zu studieren, ging dann ziemlich schnell nach Cincinnati um fuer ein Jahr intensives Kammermusiktraining beim Tokyo- und Lasalle-Quartett zu nehmen. In Boris Pergamenschikow fand ich dann den Lehrer, der mir genau das erklaeren konnte, was mir fehlte: Klangschoenheit und Klangprojektion. Mit seiner Hilfe gewann ich einige Wettbewerbe, national wie international, die mir die Chance gaben, auf regelmaessiger Basis Konzerte zu geben. Der Deutsche Musikwettbewerb versorgte mich mit 60 kleineren Recitals und bewies mir, dass ich dies liebend gerne zum Beruf machen wuerde. Welche Buehne auch immer, ich wollte draufstehen und dem Publikum alles auf einmal geben, und zwar sofort. Ein Konzertagent nahm mich unter Vertrag noch bevor ich irgendeine offizielle Anerkennung erfahren hatte, was eher riskant aber sehr nett war von ihm, und ehe ich mich's versehen hatte, hatte ich so etwas wie eine kleine Karriere. Eher als erwartet kam dann allerdings auch die Entscheidung, ob ich einem Orchester beitreten sollte oder nicht, da der Solocellist der Berliner Philharmoniker in Fruehrente ging. Da war er, mein Kindheitstraum, direkt vor mir, und dennoch, gegen meines Vaters und seiner Kollegen Rates entschied ich mich, nicht an jenem Probespiel teilzunehmen. Nicht Arroganz, und auch nicht die Angst zu verlieren, sondern eher das Bewusstsein meiner eigenen Faulheit ueberzeugten mich, dass ich mit 23 Jahren zu jung war, mich fuer immer niederzulassen. Ich merkte, dass ich noch viel zu arbeiten hatte und versuchen wollte, meine Grenzen, die seitdem jeden Tag sich weiter zu entfernen scheinen, auszuloten, doch dass ich, sobald ich in einem der Welt grossartigsten Orchester sitzen und sehr gutes Geld verdienen wuerde, auf Grund meines schwachen Characters aufhoeren wuerde zu kaempfen und an mir selber zu arbeiten. Zudem hatte ich gerade erst das immense Gluecksgefuehl eines freischaffenden Solisten kennengelernt, und wollte das nicht frueher als noetig aufgeben. Ich hatte wieder mal Glueck, gewann einen recht grossen Wettbewerb in den USA, verliebte mich in eine Frau und eine Stadt und zog kurzerhand nach New York. Es ist mir voellig egal ob dieser Umzug dem, was man Karriere nennt, geholfen hat oder nicht, er hat einfach meine Meinung ueber viele Dinge veraendert, meine Art zu denken und zu musizieren. Ich sah ploetzlich sehr klar, dass es so viele verschiedene Wege des Musikmachens gibt, und dass sie alle ihren Wert, ihre Liebhaber und ihre Probleme haben. Die Wahrheit von jedem Werk liegt in uns, ob wir es zum Leben erwecken koennen, ob wir ehrlich versuchen die Geschichte, die, abstrakt oder nicht, hinter jedem Werk liegt, zu erzaehlen, oder ob wir nur zu beeindrucken versuchen. Doch sogar das "Nur Beeindrucken" hat eine Wahrheit in sich, denn was anderes hat Mozart denn all' sein Leben lang versucht als einigen Leuten, die so weit unter ihm standen, zu imponieren, und das Resultat ist das Werk eines Genies. Es ist eher komplex, diese Suche nach der Wahrheit, doch da es solch eine grossartige Herausforderung ist, bleibt auch die 150. Auffuehrung eines Haydn-Konzertes interessant. |
||